Doof und Dick

Ich muss mal etwas loswerden, auch wenn es nur etwas Allgemeines ist. Immer mal wieder treffe ich auf Vorurteile gegen Amerikaner. Zum Beispiel im Kontakt mit Leuten aus der Schweiz. Ein typischer Ami ist ein doofer waffenfanatischer Bush-Wähler, er ist eingebildet und kann die Schweiz nicht mal von Schweden unterscheiden. Er zerstört die Umwelt mit seinem Offroader so gut wie er nur kann – und er ist fett.

Nun, das stimmt natürlich alles nicht. Ein typischer Amerikaner gibt es nicht – genau so wenig wie ein typischer Schweizer. Es leben ja auch nicht alle Schweizer auf einer Alp mit den Kühen, besitzen eine Schokofabrik, tragen eine Rolex und haben Millionen auf der Bank (schön wärs :D). Amerika ist ein extrem vielfältiges Land. Ich habe es mir ehrlich gesagt ganz anders vorgestellt. Zum Beispiel die Stadt Indianapolis: Ich habe mir vorgestellt, dass mich hier eine zubetonierte, Umwelt-Unfreundliche Stadt erwartet. Es ist aber ganz anders hier: Diese Grossstadt ist extrem natürlich. Überall hat es Bäume, Seen, Flüsse, Parks, Rasen usw. Sogar ganz in der Innenstadt ist es noch ziemlich grün. Ich würde sogar sagen, mehr als in Schweizer Städten. Und neben Enten und Gänsen an den Gewässern, hoppelt auch mal ein Hase oder sogar ein Reh durch die Nachbarschaft.

Ein weiteres Klischee, dass die Amerikaner die Schweiz nicht kennen, ist genauso unwahr. Klar, ich arbeite hier in einem Schweizer Unternehmen und das ist vielleicht mit ein Grund, wieso viele die Schweiz sehr gut kennen. Viele waren bereits einmal dort auf Geschäftsreise. Übrigens sehen Amerikaner durchaus Vorteile und Sonnenseiten von der Schweiz und Europa. Sie sind nicht wirklich eingebildet, und meinen nicht dass die USA das Beste der Welt ist. Aber auch ausserhalb von Roche kennen viele Leute die Schweiz. Als Beispiel ist die Kassiererin in einem Laden zu nennen, die schier ausflippte, als ich erzählte woher dass ich komme. Sie hat mich sogar gefragt, wieso dass denn ICH gerade in eine SOLCHE Stadt wie Indianapolis komme. 🙂

Auch die Meinungen sind ganz verschieden. Es gibt zum Beispiel die eine Person, die liebend gerne in die Schweiz zügeln würde. Er ist schon fleissig am Deutsch lernen und probiert es an mir aus. Es gibt Leute, die sind fundamentalistische Christen und unterstützen gleichzeitig Foltermethoden wie Waterboarding. Es gibt patriotische Amerikaner, die aber gleichzeitig Amerikas Umweltpolitik extrem kritisieren. Es gibt Leute die haben noch nie Amerika verlassen und würden noch nicht mal das Essen in einem chinesisches Restaurant probieren. Und es gibt Leute, die sind schon um die ganze Welt gereist und sind begeistert von exotischem Essen.

Die USA kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Die Menschen sind genau so vielfältig wie die Landschaft. Es gibt Dicke und Dünne, Farbige und Weisse, Christen, Juden und Muslime, Gläubige und Ungläubige, Obama-Wähler und Bush-Fanatiker. Ich habe Amerikaner kennenglernt die kommen ursprünglich aus Pakistan, China, Japan, Panama, Deutschland, Mexiko, Indien, Italien usw. Nur eines haben alle Amerikaner gemeinsam: Trotz ihrer Vielfalt, ihrer Ungleichheit und ihren Meinungsverschiedenheiten leben sie alle friedlich miteinander. Was mich als Ausländer natürlich besonders freut. Ich hatte noch nie irgend ein Problem, weil ich Ausländer bin. Mein Pass oder meine ID habe ich seit der Einreise nie mehr gebraucht. Es spielt gar keine Rolle woher man kommt, wer man ist. Man wird einfach immer als Mensch wahrgenommen.

So, zum Schluss noch das Klischee „fett“: Es hat tatsächlich etwas Wahres daran. Es gibt extrem dicke Leute hier, so dick wie man sie in der Schweiz noch nie gesehen hat. Aber auch die sind nur ein kleiner Bruchteil aller Amerikaner. Gerade unter jüngeren Leuten und Kindern hat es sehr wenige Dicke. Oder anders gesagt: Ich kann mich über den Ausblick am Pool nicht wirklich beklagen. 😉

Übrigens: Mein Herz schlägt nachwievor für die Schweiz. Aber vielleicht inzwischen auch ganz leicht für die USA. Ich habe bisher Land und Leute kennengelernt, welche ich mir ganz anders vorgestellt habe. Und wenn ich wieder einmal höre „Jaja, die Amis, die sind ja eh alle doof und fett“, dann werde ich wohl nur den Kopf schütteln und schmunzeln.

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